Wandern im Land der aufgehenden Sonne
Nachdem ich mit der Familie im Herbst 2007 eine Besichtigungsreise nach Japan gemacht hatte und ich den Fuji in seiner ganzen Pracht gesehen hatte, stand für mich fest, dass ich hier gerne einmal schöne Wanderungen machen möchte. Die meisten Touren, die von Deutschland nach Japan angeboten werden sind reine Besichtigungstouren von Tokyo, Nikko, Kamakura, Fuji-Hakone-Nationalpark, Himeji, Hiroshima, Nara und Kyoto in 10 Tagen. Man trifft immer wieder dieselben ausländischen Reisegruppen.
Der erste Versuch etwas auf eigene Faust zu organisieren wurde sofort fallengelassen, da die japanische Schrift für Europäer kaum zu erlernen ist. Die Japaner haben 2 Silbenalphabete mit ca. 50 Zeichen und dazu noch die aus dem chinesischen importierten Kanji. In der Schule lernen sie davon ca. 2 000. Der Versuch mit Englisch sich durchzuschlagen ging schon bei der ersten Reise ganz daneben. Die Japaner, auch die jüngeren, können kaum Englisch. Nur in den großen Städten kann man sich gut alleine zurechtfinden, da die meisten Haltestellen der U-Bahn und der Busse auch in unserer Schrift angezeigt werden. Es gibt in Japan gute Wanderkarten. Leider sind diese japanisch beschriftet und wir können sie nicht lesen. Das gilt auch für die vielen Hinweisschilder auf den Wanderwegen, die in Japanisch beschriftet sind. Japan ist bei uns als sehr teuer bekannt. Das stimmt und stimmt auch wieder nicht. Unterkünfte gibt es von ca. 40,– EUR bis fast unendlich. Essen ist teilweise preiswerter als bei uns. Wir haben aber für eine japanische Spezialität auch schon einmal über 50,– EUR bezahlt. Obst ist sehr teuer. Japan ist das Land der Automaten. Sie stehen überall, auch auf Wanderwegen. Aus den Automaten kann man fast alles erhalten: Pommes, Kaffee und alle möglichen Getränke und Gerichte. In Japan gibt es hervorragende Verkehrsmittel. Diese sind sehr pünktlich und auch gut ausgestattet. Ich musste deshalb eine Gruppenreise bei einem Reiseveranstalter buchen. Leider gibt es nur sehr wenige Veranstalter, die Wanderreisen in Japan organisieren. Auch der Summit-Club nicht. Da ich etwa 3 Wochen bleiben wollte, hatte ich noch weniger Auswahl. Für Bergwanderungen eignen sich fast nur der Juli und der August. Besichtigungsreisen sind besser im Herbst oder im Frühjahr (Kirschblüte) zu machen. Ich bin deshalb Anfang Juli nach Japan geflogen. Es war zu dieser Zeit ziemlich warm und sehr schwül. Auf den Bergen war es dann aber doch etwas angenehmer. Wir waren eine Gruppe von 15 Leuten und unserem Führer Viktor. Er stammte aus dem Allgäu, sprach gut japanisch und war ein Organisationstalent. Unsere Wanderungen machten wir zuerst auf der Insel Kyushu. Nachdem wir auf der Hinfahrt noch eine riesige Burg und einen sehr schönen japanischen Garten bewundert hatten, wanderten wir 2 Tage im Aso-Nationalpark. Der Nationalpark umfasst den größten Krater der Erde mit einem Durchmesser von 24 km und einem Umfang von 128 km. Es ging hoch zum noch aktiven Krater Naka-dake und weiter auf den höchsten Berg des Gebietes, den Naka-dake (1 592 m). Von dort hatten wir einen tollen Blick in den rauchenden Krater. Das Gestein war messerscharf und beim Abstieg hatten wir auch noch einen kleinen Unfall und mussten einen unserer Mitwanderer verarzten.
Am nächsten Tag fuhren wir mit 2 Regionalzügen und dem Superexpress-Schnellzug Shinkansen auf die Hauptinsel Honshu nach Hiroshima. Unterwegs machten wir noch in Beppu Station. Beppu ist berühmt für seine vielen Thermalquellen. Es soll über 4000 Thermalquellen in der Stadt geben. Nach der Besichtigung einiger Thermalgebiete ging es in eine Sushi-Bar. Auf einem Transportband liefen die fertigen Gerichte an uns vorbei. Bezahlt wurde an der Kasse. Der Preis richtete sich nach der Farbe der Teller. In Hiroshima besichtigten wir den Friedenspark und fuhren anschließend auf die Schreininsel Miyajima. Diese Insel beherbergt einen der schönsten Shintoschreine Japans. Nach der Besichtigung der ganzen Anlage bestiegen wir den höchsten Berg der Insel, den Misen (455 m). Dort sahen wir nicht nur viele Hirsche, die überall auf der Insel leben und auch gern von den Touristen gefüttert werden, sondern auch eine ganze Affenhorde die sehr zutraulich war. Am nächsten Tag fuhren wir mit dem Zug weiter auf die Kii-Halbinsel. Unser Ausgangspunkt für eine 2-tägige Wanderung auf dem Kumano-Nakahechi Ogumotori-Pilgerweg war der berühmte Ort Nachi. Als wir Nachi erreichten, bekamen wir noch den Rest eines der größten Feuerfeste in Japan mit. Schon vor vielen Jahrhunderten sind die japanischen Kaiser von Kyoto, das damals die Hauptstadt war, zum Nachi-Schrein gepilgert. Der ganze Pilgerweg steht heute unter dem Schutz der Unesco. Wir wanderten 2 Tage auf ihm und mussten unsere Sachen im Rucksack tragen. Der Pilgerweg wird gesäumt von vielen Teehäusern, die aber fast alle verfallen sind. Dafür gibt es aber Getränkeautomaten, die weit von der nächsten Siedlung entfernt stehen und eisgekühlte Getränke anbieten. Als wir nach einer Rast weiterzogen war aber fast der ganze Automat von uns geleert worden. Überall am Wegesrand stehen kleine Tempel und Schreine. Wir befinden uns im Gebiet von Kumano. Kumano ist in der japanischen Mythologie der Eingang zur Unterwelt. Nach der Übernachtung in einer Lodge, einer Art Jugendherberge im japanischen Stil, wanderten wir am nächsten Tag weiter bis nach Kumano Hongu. Der Schrein, den wir hier besichtigten, soll schon seit dem Jahr 800 von der Kaiserfamilie besucht worden sein. Übernachtet haben wir in einem schönen Ryokan in Yunomine-onsen. Hier gibt es die ältesten Bäder Japans, die schon seit dem 2. Jahrhundert bekannt sind. Überall sind teilweise sehr heiße Thermalquellen, die zu einem Bad im Freien einladen. Am nächsten Tag fuhren wir dann mit Bus und Zug zuerst nach Nara, der ersten Hauptstadt Japans. Nach einer ausgiebigen Besichtigung der Tempelanlagen und dem einzigen Regenschauer in 3 Wochen ging es weiter nach Kyoto. „In Kyoto kamen wir gerade noch rechtzeitig an um noch etwas vom berühmten Gion Matsuri, einem der berühmtesten Straßenfeste Japans, mitzubekommen.“ Es ist ein religiös motivierter Umzug mit kleinen Schreinen, die von vielen weißgekleideten Männern durch die Straßen getragen werden. Bei den vielen Schaulustigen kam ich mir vor wie beim Rosenmontagszug auf der Kö. Am nächsten Tag besichtigten wir Kyoto und stellten fest, dass Kyoto die schönste Stadt Japans ist. Tagsüber besuchten wir viele bedeutende Tempel und Schreine und am Abend ging es dann noch in das Gion-Viertel (Geisha-Viertel), wo wir uns eine Vorführung von Teezeremonie, Ikebana, Puppenspiel usw. ansahen. Am nächsten Tag wanderten wir oberhalb von Kyoto zu einem riesigen Tempelbezirk, den einst tausende Kriegermönche bewohnten.
Von Kyoto aus fuhren wir mit dem Shinkansen nach Kawaguchi-ko am Fuß des Fuji-san. Der Berg ist bei uns unter Fujiyama bekannt, ein Übersetzungsfehler der wohl darauf beruht, dass gleiche Kanji-Zeichen manchmal unterschiedlich ausgesprochen werden. Leider war vom Fuji nichts zu sehen, da die Wolken sehr tief hingen. Da in Japan Feiertag war und wir den riesigen Ansturm auf den Berg nicht mitmachen wollten, machten wir erst eine Wanderung um den Kawakguchi-ko-See mit anschließendem Bad im See. Am nächsten Tag ging es dann aber auf den Fuji. Wir fuhren mit dem Bus bis zur 5. Station auf 2305 m Höhe. Hier waren wir schon über den Wolken und hatten eine fantastische Sicht. Der Weg führte über Lavagestein und Lavasand steil empor. Ein Verirren war nicht möglich, da der Weg links und rechts mit Seilen gekennzeichnet war und vor uns und nach uns viele Menschen aufstiegen. Jährlich sollen in den Monaten Juli und August ca. 250000 Wanderer den Berg besteigen. Der Aufstieg bis zur 10. Station und zum Gipfel auf 3776 m dauerte mit langen Pausen etwa 7 Stunden und führte an vielen kleinen Berghütten vorbei. Dort gab es auch etwas zu essen und zu kaufen. Eine Verständigung mit den japanischen Hüttenwirten war leider nicht möglich. Die Bestellung einer Nudelsuppe klappte noch gut, aber als ich eine Cola bestellte, kam ein heißer Kakao. Der schmeckte aber wenigstens gut. An der 10.Station gab es viel zu sehen und zu kaufen. Viele Japaner besorgten sich dort Sauerstoff in Dosen. Hinunter zum Parkplatz stiegen wir dann durch feinen Lavasand ab. Auch der Fuji leidet stark unter der Klimaveränderung. Als wir auf dem Gipfel waren hatten wir eine Temperatur von fast 18 Grad und in der Nacht ist das Thermometer immer noch weit über 0 Grad gewesen. Beim Abstieg am Abend kamen uns viele Japaner entgegen, denn normal wird der Berg am Abend bestiegen und auf den Hütten wird übernachtet. Vor Sonnenaufgang versammeln sich dann alle auf dem Gipfel um den Sonnenaufgang zu sehen. Für Japaner ist das eine religiöse Zeremonie.
Am nächsten morgen fuhren wir mit einem Linienbus nach Tokyo. Unser Hotel lag im Bezirk Asakusa, nicht weit von dem berühmten Asakusa Kannon-Tempel entfernt. Wir besichtigten die große Tempelanlage und sind auch noch auf die oberste Etage des Rathauses gefahren und haben uns die riesige Stadt von oben angesehen. Auf dem Fluss Sumida-Gawa fuhren wir mit einem Schiff an einem Teil der Skyline von Tokyo vorbei. Wir sahen aber auch Obdachlose, die dort unter den Brücken ihre Zelte aufgebaut hatten. Am nächsten Tag ging es für 2 Tage in die Bergwelt der Tempelstadt Nikko. Nikko liegt etwa 2 Zugstunden nordwestlich von Tokyo und wurde gegründet um Tokyo vor Unheil zu schützen. Nach japanischer Ansicht kommt nämlich alles Unheil von Nordwesten. In Nikko gibt es viele Tempel die über und über mit Schnitzereien verziert sind. Eigentlich entspricht das nicht der japanischen Tradition. Es ist aber trotzdem sehr sehenswert und gehört auch zu den Unesco Weltkulturerbestätten. Am nächsten Tag machten wir eine größere Wanderung über die Senjogahara Moor-Hochebene. Es ging durch eine sehr schöne Landschaft mit vielen Wasserfällen und auch alpiner Flora. Leider war der ganze Weg fast nur ein Bohlenweg und von Einsamkeit war nichts zu spüren. Mit uns wanderten hunderte von Menschen und genauso viele kamen uns auch entgegen. Die verschiedenen Schulklassen konnte man gut an ihren unterschiedlich gefärbten Mützen erkennen. Am nächsten Tag ging es wieder nach Tokyo zurück und wir haben uns in der Frühe dort noch den größten Fischmarkt der Erde angesehen. Das meiste, das wir dort sahen kannten wir nicht. Ich habe noch nie so viele verschiedene kleine Würmer, Garnelen usw. gesehen wie dort.
Gegen Abend veränderte sich das Straßenbild. Fast alle Damen kamen im Kimono daher und auch die Herren hatten sich alle sehr fein gemacht. Straßen wurden für Autos gesperrt und die Japaner legten überall auf den abgesperrten Straßen blaue Plastikplanen aus. Die Schuhe wurden ausgezogen und vor die Plastikplane gestellt. Alles wartete darauf was nun kommen werde. Da wir keine Plastikplane hatten, haben wir uns einfach zwischen die Japanern gesetzt. Dann kam das, worauf alle gewartet hatten: ein wunderschönes japanisches Feuerwerk. Es soll das größte Feuerwerk in Japan sein, das immer am letzten Samstag im Juli über dem Sumida-Gawa abgebrannt wird. Für uns war es ein besonderes Ereignis dieses Feuerwerk mit den vielen Japanern gemeinsam zu genießen, auch wenn wir wegen der vielen Hochhäuser teilweise nur die Hälfte sehen konnten. Leider ging es dann am nächsten Tag wieder mit dem Flugzeug nach hause. Als ich vom Flughafen Frankfurt mit dem ICE nach Düsseldorf fuhr und dieser auf freier Strecke und an jedem kleineren Bahnhof hielt, weil ein Regionalzug vor ihm war, wusste ich, dass ich wieder in Deutschland war.
Unsere Wanderungen führten uns oft abseits der touristischen Pfade. Wir lebten dort wie die Japaner. Das fing schon beim Frühstück an. Es gab nur Misosuppe, eingelegtes Gemüse, bunte Reisballen und grünen Tee oder Kaffee. In den großen Städten übernachteten wir in Hotels, die fast kaum von anderen Ausländern bewohnt wurden. Außerhalb der Städte haben wir in kleinen Pensionen oder den japanischen Ryokans gewohnt. Dort sind die Zimmer mit Reisstrohmatten ausgelegt und abends schläft man auf den Futons. Die Türen gehen meist zu einem Garten hinaus auf und sind mit papierbespannten Schiebetüren verschlossen. Gegessen haben wir dort meist an 20 – 30 cm hohen Tischen im Schneidersitz. Zu Essen gab es abends dann viele kleine köstliche Sachen und dazu ein leckeres Bier. Zu einigen dieser Ryokans gehörte dann noch ein Onsen. Ein Onsen ist ein kleines Becken, das oft von einer Thermalquelle gespeist wird. Bevor man dort hinein darf muß man sich gründlich in einem Vorraum abseifen. Überhaupt gibt es in Japan 3 unverzeihliche Fehler, die man als Tourist machen kann. 1. das Einseifen in der Badewanne und die nicht genügende Reinigung bevor man in ein Onsenbad steigt, 2. das Naseschnäuzen in der Öffentlichkeit und 3. keine Schuhe auszuziehen, wenn man ein Haus, einen Tempel oder einen Schrein betritt. In einem Haus hat man verschiedene Pantoffel zu benutzen und andere Bereiche darf man nur auf Strümpfen betreten. Auf dem Land findet man oft noch die alten japanischen Hocktoiletten vor, während man in den Städten Toiletten mit viel Elektronik vorfindet. Alles geht automatisch und man ist froh wenn man auf der mit japanischen Schriftzeichen versehenen Schalttafel den richtigen Knopf gefunden hat. Die Essensbestellung in einem Restaurant war sehr einfach. Alle Gerichte sind im Schaufenster als Dekoration ausgestellt und man zeigt auf das Gericht, welches man haben möchte. Oft ist es dann aber doch etwas anderes als man dachte. Japan ist eine ganz andere Welt. Wir haben dort viel Hilfsbereitschaft und auch viele lustige Sachen erlebt. Ich werde auf jeden Fall noch einmal nach Japan fahren.
Horst Günter Edelbluth



